Warum werteorientierte Führung gerade heute so wichtig ist

Ist euch Milton Friedman ein Begriff? Er wurde als Wirtschaftswissenschaftler und Nobelpreisträger bekannt. Später war er Berater in Wirtschaftsfragen sowohl für Margaret Thatcher als auch für Ronald Reagan.

Er veröffentlichte in den 70er Jahren einen Artikel in der New York Times mit dem Titel „Social responsibility of business is to increase its profits“ [1]. Das klingt hartherziger als er es meinte - er schloss ein werteorientiertes Handeln von Individuen in maßgeblichen Rollen nicht aus. Aber am Ende geht es nur um Eines: „to increase its profits“. Die Gesellschaft muss den Rahmen setzen, in dem dies geschieht, werteorientierte Fragestellungen dürfen für die Unternehmensführung keine Relevanz haben.

Interessanterweise teilte ungefähr zur selben Zeit ein berühmter Managementtheoretiker, Peter Drucker (dem Vater des „Management by Objectives“ - Führen durch Ziele) diese Meinung nicht. Drucker betonte, dass Unternehmen nicht im luftleeren Raum existieren, sondern integraler Bestandteil der Gesellschaft sind, deren Erfolg von der Entwicklung von Mitarbeitenden und der Erfüllung von Marktbedürfnissen abhängt. Er sah es für die Zukunft als maßgeblich an, dass es dem Grundverständnis des Managements entspricht, soziale und gesellschaftliche Verantwortung zu übernehmen - und damit in der Folge auch die Unternehmensorganisation [2].

Wo stehen wir heute? Globale Konzerne nehmen durch die Ausprägung ihrer Produkte massiven Einfluss auf unser gesellschaftliches Leben. Interessanterweise spiegeln sie dabei weniger die Position Milton Friedmans, sondern eher die von Peter Drucker, wenn sie ihr Produktversprechen mit „Bewahrung von Meinungsfreiheit“ oder der „Sicherung der Zukunft der Menschheit“ verkaufen. Verdecktere Gründe, wie z.B. hegemoniale Strategien zur Beherrschung von Märkten, sind auch häufig wertegetrieben und nehmen bewussten Einfluss auf das soziale Gefüge (z.B. in Form eines Nationalismus). Und wir organisieren unsere Unternehmen so, dass Frauen in Führungsrollen diskriminiert werden. Auch dahinter stecken Werte, ob man sie teilen mag oder nicht.

D.h. wir steuern Unternehmen wertebasiert. Wir transportieren Werte aus Unternehmen in die Gesellschaft und in Unternehmen selbst - und zwar gerade auch in den Kreisen, denen man durchaus Nähe zu Milton Friedmans Haltung beimisst und denen wir primär eine Gewinnmaximierungsabsicht unterstellen. Gerade diese Unternehmer würden sich gegen den Begriff der werteorientierten Führung verwehren und dies womöglich sogar als böswillige Unterstellungen ansehen, da Werte in einem durch libertäres Denken geprägten Milieu als freiheitsbeschränkend und primär von der politischen Linken ausgehend verstanden werden. Es wird keine Korrelation zwischen Werten und Handlung hergestellt, vielmehr hält man das Selbstbild aufrecht, seine Entscheidungen ausschließlich in einer wirtschaftlichen Zweckrationalität zu gründen.

Vielleicht entsteht diese Verleugnung dadurch, dass die Auseinandersetzung mit Werten auch unangenehm ist. Man wird gezwungen darüber zu sprechen, wie sich das persönliche Bild von Menschen und Welt darstellt und gibt sich damit zu einem gewissen Grad preis.

Wenn mein Weltbild sich auf einer Wirklichkeitswahrnehmung aufbaut, die es mir erlaubt, gemeinsam beobachtbare Tatsachen schlicht zu leugnen oder gar das Gegenteil zu behaupten, folgt daraus zwangsläufig ein strikter, rücksichtsloser Individualismus. Ich mache mich, mein Denken und meine Emotion zum Mittelpunkt des Geschehens und schere mich nicht um die Außenwelt. Mag ich offen darüber sprechen? Wohl eher nicht, da dies sozial wenig akzeptiert erscheint.

Wenn mein Menschenbild umfasst, dass ich das in den Menschenrechten niedergelegte Gleichheitsverständnis nicht anerkenne und mich so berechtigt sehe, mich über andere zu erheben, dann ist das Ergebnis Diskriminierung. Ich selbst finde mich großartiger als andere. Ein offener Umgang damit erscheint ebenfalls schwierig, wenigstens wenn ich mich in einem System bewege, was nicht diktatorisch ist.

Insofern ist der Titel meines Vortrags - „Warum werteorientierte Führung heute so wichtig ist“ - irreführend. Werteorientiert handelt jeder, gerade auch in Führung. Wie wir sehen, stellt es sich aber so dar, dass Menschen, die nicht über Werte reden wollen, dies abstreiten. Es kommt auf die Selbsterkenntnis an, dass wir werteorientiert handeln und die Entwicklung eines Verständnisses dafür, für welche Werte wir eintreten. Wenn ich also von werteorientierter Führung spreche, so meine ich BEWUSSTE werteorientierte Führung. Führung ohne Verleugnung von Werten, um Entscheidungen, die auf dieser Basis gefällt werden, besprechbar zu machen.

Aber wie kann das gelingen? Wie schwierig das ist, möchte ich an einem Beispiel klar machen, was uns hier im Kern betrifft. Spreche ich eine männliche Führungskraft in Deutschland an, ob sie für Gleichberechtigung in Führung zwischen und Mann und Frau ist, so treffe ich vermutlich auf große Zustimmung - klar, ich bin dafür!

Das ist eine Aussage über Werte, über ein Gleichheitsverständnis, was wir in unserer Gesellschaft teilen wollen und das sich sogar in unserem Grundgesetz niederschlägt.

Und dann beginne ich die Führungskraft zu beobachten:

  • Ab und an blitzt der gepflegte Herrenwitz in der Stehküche auf. Gerne auch in Anwesenheit von Mitarbeiterinnen.

  • Betritt die Führungskraft einen Raum zu einem Meeting mit neuen Geschäftspartnern verhält sie sie sich naturgemäß so, als ob die anwesenden Männer eher das Sagen hätten als die Frauen.

  • Wenn ich beobachte, wie die Führungskraft kommuniziert, stelle ich fest, dass sie überdurchschnittlich häufig Kolleginnen unterbricht und meint, gerade in technischen Kontexten, ihnen die Welt erklären zu müssen.

  • Wenn ein Kollege die Tür schlägt oder mal die Stimme erhebt, stört die Führungskraft sich womöglich gar nicht daran und sieht das als einen legitimen Ausdruck von Emotionen. Treten einer Frau hingegen Tränen in die Augen so tritt totale Hilflosigkeit ein und im Nachgang wird dies eher als ein Zeichen von Schwäche interpretiert. Wird jedoch eine Frau laut und aggressiv, so folgt in der Regel eine Verurteilung: die ist aber ein “Mannsweib” oder hat “Haare auf den Zähnen”.

  • Wenn ich die Entscheidungen zur Mitarbeitendenentwicklung, die mein männliches Beobachtungsobjekt fällt, bewerte, sehe ich wirklich eine Gleichstellung von Frau und Mann? Oder sehe ich nicht vielmehr das, was die Statistiken bestätigen: Eine gläserne Decke, an die Frau auf der Karriereleiter stoßen und die sie nicht durchdringen können?

  • Und wenn mein männliches Beobachtungsobjekt einer Vortragsveranstaltung beiwohnt, so spielt es während des weiblichen Beitrags mit dem Handy, während es dem männlichen Vortragenden die volle Aufmerksamkeit schenkt.

Und das ist nur ein Ausschnitt der Beobachtungen, die wir Unternehmen machen können. Wenn man das Thema Gleichberechtigung ernst nimmt, sind genau das die Themen, an denen man (gerade auch im Sinne von “Mann”) sich messen muss. Wenn ich solches Verhalten zulasse oder selber an den Tag lege, lebe ich Werte, die ich vermutlich nicht bereit zu verbalisieren. Was ich verbalisiere, nämlich der Zuspruch zur Gleichberichtigung, ist schlichte Heuchelei.

Das ist der eigentliche Aufruf, der sich hinter der werteorientierten Führung verbirgt: Lege Deine eigene Heuchelei offen. Du lebst in einer Demokratie mit einem freiheitlich demokratischen Menschen- und Weltbild. Es stammt aus der Aufklärung und schreibt uns Individualität, Rationalität, Gleichheit im Sinne gleicher Rechte untereinander, Autonomie zu. Wenn wir uns das erhalten wollen, dann müssen wir unsere Handlungen in Kohärenz zu den zugrundeliegenden Werten bringen.

Und natürlich auch genau dort, wo wir in unserer Gesellschaft den größten Teil unserer Lebenszeit verbringen - auf der Arbeit. Dort müssen wir den Kampf gegen herabwürdigende, diskriminierende, autokratische Bestrebungen genauso führen wie im Alltag. Dort sind leider die Voraussetzungen am allerschlechtesten, weil Unternehmen in der Regel autokratisch aufgebaut sind. Aber es gibt Mittel und Wege gerade auch dort für die Werte einzutreten, die uns das Leben ermöglicht, was wir führen wollen - sowohl in der Gesellschaft wie auch innerhalb der Organisation. Die strukturellen Probleme, so z.B. in der Gleichberechtigung, nur auf Probleme der Gesellschaft zurückzuführen und sich in den Unternehmen als hilfloses Opfer zu gerieren, wird der Sache nicht gerecht. Durch die bewusste, wertebasierte Ableitung unserer Führungshandlungen, die Art der Arbeitsorganisation, die Art der Entscheidungsfindung, den Umgang mit Fehlern. Und den Umgang mit Gleichheit: Das impliziert neben vielem anderen ganz besonders auch die gleichen Aufstiegsmöglichkeiten für Frauen wie für Männer.

Es wird auf die Dauer nicht reichen Euch mit Programmen wie dem „Mentoring4women“ zu unterstützen und zu stärken, auch das Umfeld muss in Bewegung geraten. Diejenigen unter Euch, die in Rollen sind, die Organisationen gestalten, tragen die Verantwortung dafür! Wie es die Co-Geschäftsführerin der Allbright Stiftung, Wiebke Ankersen, zum Ausdruck bringt: “Hört auf, Frauen zu fördern, befördert sie!”

Quellen

[1] Friedman, Milton, “A Friedman doctrine — The Social Responsibility of Business Is to Increase Its Profits” https://www.nytimes.com/1970/09/13/archives/a-friedman-doctrine-the-social-responsibility-of-business-is-to.html, New York Times, 13.9.1970

[2] Drucker, Peter, “Die neue Management-Praxis”, Eccon-Verlag GmbH, 1. Auflage, 1974, S. 74

[3] Zykunov, Alexandra, “Was wollt ihr denn noch alles?!”, Ullstein Taschenbuch, 1. Auflage, 2023, S. 143

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